Letztes Jahr hat mich dieser stolze Herr auf einer Radreise durch Norwegen an ein Buch erinnert, dass ich in Spanien gelesen habe und welches in Kuba geschrieben wurde.

Der gute Mann lebt in einem kleinen Haus direkt am Meer. Er darf einen kleinen Strand, im Norden der Lofoten, sein eigen nennen. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen fuhr ich mit meinem Rad an ihm vorbei und jedes Mal war ich fasziniert von diesem Mann. Ich machte jeweils eine Pause, hockte mich auf einen Felsen und setzte mir eine Tasse Kaffee auf. ☕️

Ich hätte ihm stundenlang zusehen können. Im regelmäßigen Rhythmus des Nordmeeres wurde ein Schwall Algen angeschwemmt. Und als ob sich der alte Mann darüber freute, harkte er freundlich lächelnd die Algen zusammen, um sie dann in der Schubkarre anzuhäufen und hinter dem Haus wieder abzuladen. Und das alles mit einer Anmut, die es als normalste Sache der Welt aussehen ließ. Was ist auch schon dabei, täglich einen Strand von Algen zu befreien und dabei zuzuschauen, wie das Werk mit jeder Welle zerstört wird?!?!🤨

Während ich das gerade schreiben, fällt mir spontan Sisyphos dazu ein. Aber das Buch, das ich ursprünglich meinte und woran mich dieser Mann erinnerte, ist von Hemingway:

Der alte Mann und das Meer.

Der alte Mann und das Meer.

Die Botschaft ist so einfach wie schön! 

Es ist egal was du machst.
Es ist egal, ob es sinnvoll ist oder nicht.
Es ist egal, was die anderen darüber denken.
Es ist egal, ob du erfolgreich bist oder nicht.

Es kommt darauf an, dass Du es mit Anmut, Demut und Haltung machst.
Es geht um den Prozess, nicht um das Ergebnis.
Es geht ums Reisen, nicht ums Ankommen.
Es geht um Leben. Unser Leben.

Wir können unser Leben leben. Nicht mehr. Nicht weniger.Der alte Mann und das Meer

 

Endlich ankommen. Lohnenswert?

Dem Gefühl, endlich angekommen zu sein, laufen viele hinterher. Endlich angekommen zu sein, kann sich sehr schön anfühlen. Aber taugt es auch als Ziel? Brauchen wir überhaupt Ziele? Wenn ja, wofür? Wieso stellt man uns oft die Frage: Welche Ziele hast du noch?

Ich bin gerade 14 Tage mit dem Fahrrad durch den Norden Norwegens gereist. Vor der Reise habe ich mir geschworen, anders als bei meiner Radreise durch Spanien, ganz entspannt und gemächlich in die Pedale zu treten. Diese Reise wird kein Radrennen um schnellstmöglich am Ziel zu sein.

Es gelingt mir. Ich fahre gemütlich. Über viele Tage. Dann, an meinen letzten Tagen, nehme ich mir vor, nach Reine, ans Südende der Lofoten zu fahren. Für die restlichen zwei Tage will ich mir ein schönes Fleckchen für mein Zelt suchen, entspannen, in die Berge gehen und dann zum Abschluss mit der Fähre zum Flughafen nach Bodø übersetzen.

Die Strecke beträgt gut 100 km. Es geht ausschließlich bergauf und bergab. Bereits nach der Hälfte der Strecke spüre ich die Müdigkeit und Erschöpfung. Ich fühle mich gestresst und gehetzt. Aber ich habe ein lohnendes Ziel. Es warten zwei Tage ohne Fahrradfahren auf mich und die Gewissheit, ich habe es geschafft.

Ich beiße mich durch und quäle mich bei jedem Tritt. Dann bin ich in Reine. Endlich. Ich habe mein Ziel erreicht. Endlich angekommen. Und jetzt?

Reine ist umgeben von zig steilen Bergen, die nahezu im 90° Winkel aus dem Boden schießen. Hier gibt es nur Steilküste. Es ist inzwischen 23 Uhr. Ich fahre die Gegend ab und halte die Augen nach einem Platz für mein Zelt offen. Nicht Brauchbares da. Ich frage einen Einheimischen, ob er eine Idee hat. „Es gibt einen Campingplatz, knappe Stunde von hier entfernt.“ Gerädert komme ich am Campingplatz an. Ausverkauft.

Ich fahre weiter. Gut zehn Kilometer weiter endet die Straße abrupt. Endstation. Wieder bin ich angekommen. Mein Zelt stelle ich, mehr schlecht als recht, auf einer Klippe auf. Tolle Aussicht, aber mitten im Sturm und Regen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Völlig fertig koche ich mir eine Suppe und frage mich, wie mir das passieren konnte. Die Tage zuvor bin ich ohne konkretes Ziel einfach Richtung Süden geradelt. Ich habe unzählige Erinnerungen an Pausen, wunderschöne Plätze, selbst gekochten Kaffee in den Fjorden und entspannte Stunden in der Hängematte in traumhafter Natur.

Meine Sinne waren offen für alles, was mir Norwegen angeboten hat. Und ich habe rechts und links des Weges mit beiden Händen dankend zugepackt.

Ich spürte riesige Neugierde, totale Glückseligkeit und war nahezu immer im Moment. Meine Gedanken schliefen. Ich habe wahrgenommen und genossen.

Auch an meinem letzten Tag habe ich umwerfende Schlafplätze gesehen. Aber ich wollte ja mein Ziel erreichen. Ich wollte ankommen.

In der Businessplanung, im Projektmanagement, im Vertrieb und auch in der Literatur über Persönlichkeitsentwicklung und Coaching-Prozesse finden wir unisono die Meinung, dass Ziele konkret, messbar und erreichbar formuliert werden sollen. Viele Menschen sagen, ohne ein konkretes Ziel vor Augen, fehlt ihnen der Antrieb, die Motivation und manchmal sogar der Sinn.

Ich frage mich, wofür sollten Ziele so formuliert sein? Zu welchem Zweck brauchen wir überhaupt Ziele? Betrifft das alle Ziele in unserem Leben?

An meinem Beispiel festgemacht, lautet das konkrete, messbare und erreichbare Ziel: Ich möchte heute in Reine ankommen. Ich habe mein Ziel erreicht! Zum Preis, dass ich erschöpft und gestresst am Ziel ankomme und keinen wirklich schönen Schlafplatz gefunden habe. Was ist wichtiger? Dass es mir gutgeht und ich im Einklang mit meinen augenblicklichen Bedürfnissen lebe oder, dass ich mein Ziel erreiche, welches ich mir in der Vergangenheit gesetzt habe?

Natürlich ist es sinnvoll, konkrete Ziele zu vereinbaren, wenn verschiedene Gewerke oder Arbeitsschritte einander bedingen.

Schwer auszumalen, dass deine Kollegen sich für dich freuen, wenn sie auf dich warten müssen, weil du die einzelnen Arbeitsschritte mit Genuss, aber ohne Zielstrebigkeit ausführst.

Ziele sollen konkret, messbar und erreichbar sein, damit wir sie eben erreichen können und daraus in der Konsequenz Selbstvertrauen schöpfen. Ich habe mir etwas vorgenommen und bin in der Lage das umzusetzen. Kann man so sehen.

Aber was ist der Grund dafür, dass gerade Menschen, bei denen bislang immer alles nach Plan lief, große Probleme bekommen, wenn sich große Veränderungen in ihrem Leben einstellen? Karriere, Familienplanung, Eigenheim: alles läuft nach Plan. Und dann bricht ein Teil weg und viele fühlen sich plötzlich orientierungslos, ohnmächtig und überfordert. Wie nachhaltig und wertvoll ist Selbstvertrauen, welches auf erfolgreich umgesetzten Plänen erwachsen ist, wirklich? Sind diese Menschen selbst schuld, weil sie keinen Plan B in der Schublade liegen haben? Zeigt sich Selbstvertrauen nicht vor allem dann, wenn man eben nicht weiß, wie es weitergeht? Wenn man sich selbst und dem Leben vertrauen kann, dass die Dinge schon den richtigen Lauf nehmen werden? Und woraus erwächst dieses Urvertrauen?

Ziele sind gut. Sie können uns motivieren, uns eine grobe Richtung vorgeben, Vorfreude entstehen lassen oder die Zusammenarbeit erleichtern.

Schwierigkeiten bereiten sie, wenn der Fokus zu sehr auf der Erreichung der Ziele liegt. Vor allem bei persönlichen, individuellen Zielen. Wir entfernen uns von uns selbst, von unseren Bedürfnissen, wenn wir alles dem Erreichen unserer Ziele unterordnen. Fokussierung auf das Ankommen, auf das Erreichen von Zielen bedeutet automatisch, dass wir nicht im Moment sein können. Wenn die Zufriedenheit, der innere Frieden und unser Glück in der Zukunft liegen oder vom Erreichen von Zielen abhängig sind, dann können wir im Jetzt nicht zufrieden sein. Dann liegt unser Fokus immer auf dem, was noch fehlt und nicht auf dem, was schon alles da ist.

Wer stirbt wohl glücklicher? Derjenige, der über die Autobahn alle seine Ziele im Eiltempo erreicht hat? Oder derjenige, der nicht eines seiner Ziele erreicht hat, aber jeden einzelnen Schritt über schöne Nebenstraßen genossen hat?

Wie viel Lebenszeit verbringst du am Ziel und wie viel auf dem Weg? Ist es nicht schlauer, den Fokus auf den Weg zu legen?

Wenn wir unser Ziel im Hinterkopf behalten, aber mit offenen Augen und Ohren durch das Leben gehen, dann werden wir nahezu jeden Tag vom Leben beschenkt. Du begegnest den Kleinigkeiten, die du nur siehst, wenn du bereit bist, dich überraschen zu lassen. Du spürst, dass es das Leben gut mit dir meint. Mut und Vertrauen entstehen, wenn man sich auf das Leben einlässt und es so nimmt, wie es kommt.

Wir sind es gewohnt, alles kontrollieren zu wollen, immer wissen zu wollen, was als Nächstes kommt. Aber hilft uns das wirklich? Ist das nicht eher eine illusorische Vorstellung, die uns viel mehr kostet, als sie uns bringt? Vielleicht sogar die Ursache für viele unserer Ängste ist?

Wie kann ich zum Zeitpunkt des Planens wissen, was ich morgen, übermorgen und danach brauche? Je mehr ich mich damit befasse, je mehr ich alle Eventualitäten vorausahnen möchte, desto mehr nähre ich die Angst.

Du weißt nicht, welche Aussicht dich auf dem Gipfel erwartet. Deshalb wähle den schönsten Weg hinauf.

Je weniger du planst, desto flexibler wirst du. Hürden und Hindernisse auf deinem Weg wirst du leicht überwinden, weil du sie nicht als solche wahrnimmst. Sie sind Teil deines Weges und keine Abweichungen von deinem Plan. Sie stärken dein Vertrauen, anstatt dich am Plan zweifeln zu lassen.

Lass dich von deinem Leben überraschen. Es schenkt dir immer genau das, was du gerade brauchst. Du musst es nur erkennen und solltest nicht daran vorbei radeln.

Wenn es auch dir schwerfällt loszulassen und dich auf das Leben einzulassen, dann melde dich bei mir. Ich freue mich von dir zu hören!

Am Nachbartisch sitzt ein älteres Ehepaar. Halb aus Neugierde, halb wird es mir aufgedrängt, kann ich dem Gespräch der beiden folgen.

Sie: Hermann, jetzt fliegen wir schon seit 20 Jahren jedes Jahr hier nach Arta auf Mallorca.
Er: Ja.
Sie: Und seit 20 Jahren frühstücken wir hier in diesem Café.
Er: Ja.
Sie: Und seit fast 20 Jahren arbeitet hier diese eine Kellnerin.
Er: Ja, stimmt.
Sie: Meinst du nach fast 20 Jahren spricht die auch nur ein Wort Deutsch?

 


 

Puh!

Das ist mal eine Sichtweise! Die alte Dame hatte recht. Die Kellnerin sprach kein Wort Deutsch.

Es ist erstaunlich zu erleben, wie unterschiedlich wir Menschen, ein und dieselbe Situation wahrnehmen. Man kann die Aussage gut oder schlecht finden oder sie einfach nur so stehen lassen. Schmunzeln, musste ich in jedem Fall.

So skurril die Situation auch war, eines macht sie deutlich.

Es gibt keine universelle Wirklichkeit. Jeder von uns lebt in seiner eigenen Welt. Mit eigenen Gedanken, Gefühlen, Wertvorstellungen, Beobachtungen und eigenen Schlussfolgerungen.

Manch einem mag das befremdlich vorkommen. Wir alle versuchen schließlich mehr oder weniger, besser oder schlechter unsere gesellschaftlichen Werte und Normen zu leben. Manche Dinge macht MAN eben nicht, andere sind ein MUSS und manches gehört sich einfach nicht!

Ist das wirklich so?

Führen diese angenommenen Verhaltensnormen nicht viel eher dazu, dass wir pausenlos andere Menschen (und auch uns selbst) be- oder verurteilen? Erzeugen wir dadurch nicht Spannungsfelder, die kein Mensch braucht? Mein erster Gedanke über die Dame aus dem Cafe in Arta war abfällig.

Aber wie viele Meter bin ich in ihren Schuhen gelaufen? Wie oft habe ich die Welt durch ihre Augen betrachtet?

Wir gehen gemeinsam ins Kino, ins Stadion oder ins Restaurant. Obwohl wir nebeneinander sitzen, das gleiche Spiel sehen, das gleiche Gericht essen, schaut jeder seinen eigenen Film.

Wenn wir verstehen, dass jeder Mensch aufgrund seiner Sozialisierung und Genetik einzigartig ist, Situationen individuell erlebt, mit seinen Erfahrungen und Werten abgleicht und entsprechend seiner subjektiven Wahrnehmung einordnet, dann fällt es uns deutlich leichter verschiedene Standpunkte und Handlungen zu respektieren.

Verschiedene Meinungen dürfen plötzlich nebeneinanderstehen. Sind wir uns dessen bewusst, empfinden wir sie als Bereicherung.

Je häufiger und deutlicher wir uns das erleben, desto leichter wird es uns fallen die Meinungen und Standpunkte anderer Menschen zu akzeptieren. Auch das eigene Denken, Fühlen, Handeln oder Unterlassen braucht nun keine Rechtfertigung mehr. Auch nicht von oder vor uns.

Jeder von uns lebt in seiner Welt. Du in deiner, ich in meiner.

 

 

Manchmal gibt es Momente, da ist man froh, den eigenen Namen zu kennen. Alles scheint sich zu einem riesigen Chaos entwickelt zu haben. Die einfachsten Entscheidungen bereiten Kopfschmerzen. Je länger man darüber grübelt, desto schneller dreht sich das Karussell.

Sucht man Rat, erntet man Kopfschütteln. Man hat ständig das Gefühl, missverstanden zu werden. Warum können die anderen mein Dilemma nicht verstehen? Fehlt es ihnen an Empathie? Wieso muss ich ständig geraderücken, was ich eigentlich sagen wollte?

Als ich vor Jahren zu einer Frau sagte: „Nein, das wollte ich damit gar nicht sagen“, bekam ich eine sehr deutliche und mich bis heute prägende Antwort: „Michael, dann drück dich klarer aus und wähle deine Worte mit Bedacht!“

Zunächst fühlte ich mich ob der recht schroffen Art und des direkten Tons persönlich angegriffen. Schließlich bekommt man selten so deutliche und ehrliche Worte zu hören. Wenig später wurde mir bewusst, wie recht sie hatte, und, dass sie mir durch die Deutlichkeit ihrer Worte in diesem Moment den Schlüssel zur Klarheit schenkte.

An diesem Tag habe ich mir selbst versprochen: Ich sage, was ich denke und fühle. Ich tue, was ich sage.

Ich habe mir vorgenommen das Wörtchen JEIN aus meinem Wortschatz zu streichen. Ironie, Doppeldeutigkeiten und Hintertürchen jeder Art erzeugen nur eins: Unklarheit. Also weg damit.

Es ist verblüffend zu sehen wie schnell und wirkungsvoll das funktioniert. Nicht nur in meinem Innenleben herrscht seitdem deutlich mehr Ruhe und Klarheit. Auch in meinen Beziehungen im Außen, mit Freunden, im Berufsleben bewirken klare Aussagen klare Antworten. Ich frage mich deutlich seltener, wie hat er das jetzt gemeint. Und wenn doch, dann frage ich ganz direkt: Wie hast du das gemeint?

Probiere es mal aus, du wirst dich wundern, wie einfach das Leben durch klare Sprache werden kann.

Schäm dich! Oder besser nicht?

Wie oft habe ich das schon gehört? Oft. Entweder an mich gerichtet oder an andere.

Schäm dich! Wie oft habe ich das über andere oder mich selbst gedacht? Noch öfter.

Und wie oft habe ich Worte nicht ausgesprochen, die mir auf der Zunge lagen oder Dinge nicht getan, auf die ich Lust hatte, um mich nicht zu blamieren oder mich nicht vor mir selbst zu schämen? Noch viel öfter.

Kennst du das Gefühl, beim Tanzen auf einer Party beobachtet zu werden? Das Gefühl, dich im wahrsten Sinn des Wortes nicht frei bewegen zu können? Warum macht es dir Spaß unter der Dusche zu singen, aber wenn einer zuhört, bist du offiziell heiser?

Wie frei sind wir wirklich, wenn wir Dinge nicht aussprechen oder tun, die uns am Herzen liegen? Wie oft bemerkst du, dass dein Gesprächspartner nicht versteht, was du ihm sagen willst, er sich aber nicht traut nachzufragen?

Was macht das wohl mit uns und unserem Selbstvertrauen?

Für manche mag das „normal“ sein – ich glaube, jedes Mal, wenn wir etwas nicht sagen oder nicht tun, schwächen wir unser Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Mit jedem Mal befeuern wir das Gefühl, dass unsere Worte nicht wert sind, ausgesprochen oder gehört zu werden. Wir vertrauen unseren Worten und Taten nicht.

Es sind nicht die anderen, die uns verbieten uns durch Worte und Taten auszudrücken: Es sind wir selbst!

Wir sind es, die uns permanent beobachten, kritisieren und über uns richten!

Bevor ich das erste Mal Karaoke mit Freunden spielte, spürte ich unglaublichen Widerstand in mir. Lass das sein. Geh nach Hause. Es ist eh schon spät. Du blamierst dich nur. Sie werden über dich lachen. Mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf. Mein Körper produzierte eine Vielzahl unangenehmer Gefühle, die mir sagten: Tritt den Rückzug an. JETZT!

Dann sang ich. Oder so ähnlich. Außer mir selbst hat kaum jemand wirklich Notiz davon genommen. Es hat auch nicht weh getan. Ganz im Gegenteil, es war, als ob ich da eine Handbremse gelöst hatte, die schon fast eingerostet schien.

LEINEN LOS!

Ich weiß nicht, ob ich es brauchen werde. Aber ich packe es ein. Man weiß ja nie. In knapp zwei Wochen kann viel passieren. Erst recht, da ich nicht weiß, wo die Tage beginnen, wo sie enden und was dazwischen geschieht. Sicher ist sicher.

8.000 Höhenmeter und 600 km über spanischen Boden später, reicht es mir. Warum schleppe ich das alles die Berge hoch und runter? Meine Beine sind vom Fahrradfahren auch so jeden Abend völlig erschöpft. Jedes Gramm weniger macht sich bei Gegenwind, bergauf und vor allem auf langer Strecke bemerkbar. Die zweite Hälfte meiner Radreise will ich erleichtert in die Pedale treten.

Zwei T-Shirts für einen eventuellen Restaurantbesuch, Medikamente für den Notfall, Wundsalbe und Pflaster für Stürze, Chlortabletten für Trinkwasser, Haarwachs für das Ego und vor allem eine Menge gedanklicher Worst Case Szenarien wandern in den Müll. Und plötzlich fällt alles viel leichter.

Natürlich fällt das Weniger an Gepäck auf. Noch viel mehr spüre ich allerdings, dass meine Gedanken leichter sind.

Die Sorge, was alles passieren kann, hat Platz für Vertrauen gemacht. Es wird schon alle gut gehen. Ich genieße die traumhafte spanische Natur. Ich staune über die Größe und Schönheit der Olivenhaine, nehme den Duft der Pinienwälder wahr und spüre die Freiheit in jeder Faser meines Körpers. Meine Aufmerksamkeit gehört dem, was gerade ist und ich fühle jeden Moment sehr intensiv. Dass ich dabei immer noch schwer schnaufend die Berge hoch und runter radel, fällt mir kaum auf. Ich mache mir weniger Gedanken, wo ich abends mein Zelt aufschlagen kann. Auch wenn ich hungrig und durstig bin, weiß ich, es wird zu rechten Zeit eine Tienda kommen, in der ich finde, was ich brauche. Es läuft fast alles wie von selbst. Und wenn nicht, dann stresst es mich nicht. Es ist, wie es ist.

Es ist erstaunlich zu erleben, wie kleine Veränderungen im Außen, große Veränderungen im Innen bewirken können.

Was kannst du über Bord werfen? Deine Sorge vor einer ungewissen Zukunft? Die Trauer um verpasste Gelegenheiten? Die Angst dich zu blamieren? Den (Irr)Glauben du schaffst das nicht? Die Gewohnheit alles kontrollieren zu wollen?

LEINEN LOS!

Finde dein eigenes Tempo, dann geht dir nie der Atem aus.

Ich versuche dran zu bleiben. Will den Windschatten nutzen, um Kraft zu sparen. Es bläst starker Gegenwind. Dem jungen Mann vor mir scheint das nichts auszumachen. Mir dagegen schon. Eine scharfe Linkskurve und es geht die Serpentinen hinauf in das andalusische Hochgebirge. Mit großem Aufwand und Krafteinsatz bleibe ich dicht hinter ihm. Fahr langsamer, Herrgott nochmal! Noch eine Schleife, dann muss ich ihn ziehen lassen.

Ich steige vom Rad. Setze mich auf einen Stein und spüre das Blut in meinen Adern pulsieren. Ich wollte Kraft sparen und bin nun völlig ausgepowert. Ich habe mich wohl übernommen. Was ist da gerade passiert? Habe ich gerade meine Grenzen kennengelernt? Bin ich wieder mal meinem Ego begegnet?

Warum muss ich mich immer so beeilen? Wieso fahre ich das Tempo eines anderen?

Was hat das Tempo der anderen mit mir zu tun? Der junge Mann hatte ein Rennrad und kein Gepäck. Ich war mit einem alten Trekkingrad und 25 KG Gepäck unterwegs. Er hat einen Tagestrip gemacht, ich eine Radreise. Warum lasse ich mich in meinem Handeln durch andere beeinflussen?

Eine zwölf tägige Radreise ist wie ein Spiegelbild des Lebens. Einige Passagen sind wunderschön, andere eher langweilig und monoton. Eben lief es wie geschmiert, jetzt hast du einen Plattfuß. Manchmal geht es bergauf, manchmal bergab. Heute hast du Gegenwind, morgen Rückenwind.

Welchen Sinn ergibt es, sich dabei zu beeilen? Ausgepowert und früher am Ziel sein? Das Leben an sich vorbeifliegen lassen? Ein Leben auf der Überholspur? Nicht mitzubekommen, wie schön es rechts und links ist? Immer auf das Ziel und eine starke Performance fokussiert zu sein? Ist das der Sinn des Lebens?

Das Leben hat dir eine Gangschaltung geschenkt, damit du sie einsetzt.

Wenn es läuft, gib Gas. Wenn es anstrengend ist, schalte einen Gang runter. Finde deine eigene Übersetzung und bleib in deinem Rhythmus.

Vor mir, hinter mir, rechts von mir, links von mir, bergauf, bergab, soweit das Auge reicht: Olivenhaine. Seit zwei Tagen das gleiche Bild. Ich verlasse den Asphalt und biege auf einen Schotterweg ab.

Es fängt an zu regnen. Zunächst genieße ich das und freue mich über die willkommene Abkühlung. Diese verwandelt sich von jetzt auf gleich in eine Wand aus Wasser. Als dann beide Reifen abrupt blockieren und ich im Schlamm feststecke, ist es vorbei mit der Freude. Der gut befahrbare Schotterweg entpuppt sich als klebriger andalusischer Lehmboden. Dieser hat sich um meine Reifen gewickelt und sich zwischen Schutzblech, Reifen und Bremse eingekeilt. Mit den Fingern versuche ich die teigartige Masse zu entfernen. Wer schon mal selbst Pasta Teig gemacht hat, weiß was das bedeutet.

Nach ca. 15 Minuten habe ich blutige Finger, aber das Vorder- und Hinterrad befreit, das Gepäck wieder aufgeladen und fahre weiter. Ich schaffte genau zwei Umdrehungen, dann ist alles wieder verklumpt. Ich wiederholte das Ganze und entschließe mich dazu, das Fahrrad zu schieben. Wieder schaffe ich genau zwei Umdrehungen.

Shit!

Was soll ich jetzt machen? Dann kommt mir eine Idee, für die ich später den Nobelpreis bekomme.

Denke ich zumindest. Ich nehme das Gepäck runter, montiere die Schutzbleche ab und lade das Gepäck aufs. Nur, es bringt rein gar nichts. Doch kein Nobelpreis!

Okay, langsam gehen mir die Ideen aus.
Fahrrad an einen Baum ketten, Wertsachen mitnehmen und laufen?
Per Anhalter auf einen Trecker warten, der sich erbarmt mein Fahrrad einzusammeln?
Warten bis es aufhört zu regnen und der Boden getrocknet ist?
45 Kg die sieben Kilometer bis zur nächsten Straße tragen? Auf keinen Fall!

Stille.

Dann gehe ich los. Zehn Meter gehen, Pause. Zehn Meter gehen, Pause. Zehn Meter gehen, Pause… Nach gut drei Stunden betrete ich Asphalt. Und als wenn mich das Leben belohnen will, wartet 500 m weiter eine Tankstelle mit Waschstraße auf mich.

Da ich keinen geeigneten Platz für mein Zelt finde, belohne ich mich mit einem echten Bett in einem Hostel.

Kurz vor dem Einschlafen frage ich mich, warum ich aus der Situation kein Drama gemacht habe.

Es ist der vierte Tag meiner Radreise von Malaga nach San Sebastian und ich durfte in den ersten drei Tagen erfahren, dass sich das Leben nicht an meine romantischen Vorstellungen hält: den ersten Platten noch am Flughafen, aus Versehen auf die Autobahn gefahren, ungewöhnlich viel Regen in Andalusien, die Anstrengung des permanenten Bergauf-Fahrens total unterschätzt und ein Navi, das jede Gelegenheit falsch abzubiegen, sicher wie einen Elfmeter verwandelt.

Ich habe bereits stundenlang geflucht, gezweifelt und das Schicksal verdammt. Meine Wut, mein Selbstmitleid und meine Sorge scheinen aufgebraucht. Ich habe losgelassen. LEINEN LOS!

Nimm an, was ist. Widerstand kostet nur unnötig Kraft!

Bevor ich schlafen gehe, schreibe ich mir auf:

Bleib im Moment und nimm an, was ist. Das macht alles viel leichter.
Mach Dich nicht zum Opfer, dann brauchst Du keine Schuldigen und kein Drama.
Eine Radreise ist ein Spiegel des Lebens. Welchen Sinn ergibt es, früher ans Ziel zu kommen?

Und in Gedanken an das „Rheinische Grundgesetz“ schlafe ich mit einem Lächeln ein.

Et es wie et es. Et kütt wie et kütt. Et hätt noch immer jot jejange.