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Manchmal gibt es Momente, da ist man froh, den eigenen Namen zu kennen. Alles scheint sich zu einem riesigen Chaos entwickelt zu haben. Die einfachsten Entscheidungen bereiten Kopfschmerzen. Je länger man darüber grübelt, desto schneller dreht sich das Karussell.

Sucht man Rat, erntet man Kopfschütteln. Man hat ständig das Gefühl, missverstanden zu werden. Warum können die anderen mein Dilemma nicht verstehen? Fehlt es ihnen an Empathie? Wieso muss ich ständig geraderücken, was ich eigentlich sagen wollte?

Als ich vor Jahren zu einer Frau sagte: „Nein, das wollte ich damit gar nicht sagen“, bekam ich eine sehr deutliche und mich bis heute prägende Antwort: „Michael, dann drück dich klarer aus und wähle deine Worte mit Bedacht!“

Zunächst fühlte ich mich ob der recht schroffen Art und des direkten Tons persönlich angegriffen. Schließlich bekommt man selten so deutliche und ehrliche Worte zu hören. Wenig später wurde mir bewusst, wie recht sie hatte, und, dass sie mir durch die Deutlichkeit ihrer Worte in diesem Moment den Schlüssel zur Klarheit schenkte.

An diesem Tag habe ich mir selbst versprochen: Ich sage, was ich denke und fühle. Ich tue, was ich sage.

Ich habe mir vorgenommen das Wörtchen JEIN aus meinem Wortschatz zu streichen. Ironie, Doppeldeutigkeiten und Hintertürchen jeder Art erzeugen nur eins: Unklarheit. Also weg damit.

Es ist verblüffend zu sehen wie schnell und wirkungsvoll das funktioniert. Nicht nur in meinem Innenleben herrscht seitdem deutlich mehr Ruhe und Klarheit. Auch in meinen Beziehungen im Außen, mit Freunden, im Berufsleben bewirken klare Aussagen klare Antworten. Ich frage mich deutlich seltener, wie hat er das jetzt gemeint. Und wenn doch, dann frage ich ganz direkt: Wie hast du das gemeint?

Probiere es mal aus, du wirst dich wundern, wie einfach das Leben durch klare Sprache werden kann.

Schäm dich! Oder besser nicht?

Wie oft habe ich das schon gehört? Oft. Entweder an mich gerichtet oder an andere.

Schäm dich! Wie oft habe ich das über andere oder mich selbst gedacht? Noch öfter.

Und wie oft habe ich Worte nicht ausgesprochen, die mir auf der Zunge lagen oder Dinge nicht getan, auf die ich Lust hatte, um mich nicht zu blamieren oder mich nicht vor mir selbst zu schämen? Noch viel öfter.

Kennst du das Gefühl, beim Tanzen auf einer Party beobachtet zu werden? Das Gefühl, dich im wahrsten Sinn des Wortes nicht frei bewegen zu können? Warum macht es dir Spaß unter der Dusche zu singen, aber wenn einer zuhört, bist du offiziell heiser?

Wie frei sind wir wirklich, wenn wir Dinge nicht aussprechen oder tun, die uns am Herzen liegen? Wie oft bemerkst du, dass dein Gesprächspartner nicht versteht, was du ihm sagen willst, er sich aber nicht traut nachzufragen?

Was macht das wohl mit uns und unserem Selbstvertrauen?

Für manche mag das „normal“ sein – ich glaube, jedes Mal, wenn wir etwas nicht sagen oder nicht tun, schwächen wir unser Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Mit jedem Mal befeuern wir das Gefühl, dass unsere Worte nicht wert sind, ausgesprochen oder gehört zu werden. Wir vertrauen unseren Worten und Taten nicht.

Es sind nicht die anderen, die uns verbieten uns durch Worte und Taten auszudrücken: Es sind wir selbst!

Wir sind es, die uns permanent beobachten, kritisieren und über uns richten!

Bevor ich das erste Mal Karaoke mit Freunden spielte, spürte ich unglaublichen Widerstand in mir. Lass das sein. Geh nach Hause. Es ist eh schon spät. Du blamierst dich nur. Sie werden über dich lachen. Mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf. Mein Körper produzierte eine Vielzahl unangenehmer Gefühle, die mir sagten: Tritt den Rückzug an. JETZT!

Dann sang ich. Oder so ähnlich. Außer mir selbst hat kaum jemand wirklich Notiz davon genommen. Es hat auch nicht weh getan. Ganz im Gegenteil, es war, als ob ich da eine Handbremse gelöst hatte, die schon fast eingerostet schien.

LEINEN LOS!

Ich weiß nicht, ob ich es brauchen werde. Aber ich packe es ein. Man weiß ja nie. In knapp zwei Wochen kann viel passieren. Erst recht, da ich nicht weiß, wo die Tage beginnen, wo sie enden und was dazwischen geschieht. Sicher ist sicher.

8.000 Höhenmeter und 600 km über spanischen Boden später, reicht es mir. Warum schleppe ich das alles die Berge hoch und runter? Meine Beine sind vom Fahrradfahren auch so jeden Abend völlig erschöpft. Jedes Gramm weniger macht sich bei Gegenwind, bergauf und vor allem auf langer Strecke bemerkbar. Die zweite Hälfte meiner Radreise will ich erleichtert in die Pedale treten.

Zwei T-Shirts für einen eventuellen Restaurantbesuch, Medikamente für den Notfall, Wundsalbe und Pflaster für Stürze, Chlortabletten für Trinkwasser, Haarwachs für das Ego und vor allem eine Menge gedanklicher Worst Case Szenarien wandern in den Müll. Und plötzlich fällt alles viel leichter.

Natürlich fällt das Weniger an Gepäck auf. Noch viel mehr spüre ich allerdings, dass meine Gedanken leichter sind.

Die Sorge, was alles passieren kann, hat Platz für Vertrauen gemacht. Es wird schon alle gut gehen. Ich genieße die traumhafte spanische Natur. Ich staune über die Größe und Schönheit der Olivenhaine, nehme den Duft der Pinienwälder wahr und spüre die Freiheit in jeder Faser meines Körpers. Meine Aufmerksamkeit gehört dem, was gerade ist und ich fühle jeden Moment sehr intensiv. Dass ich dabei immer noch schwer schnaufend die Berge hoch und runter radel, fällt mir kaum auf. Ich mache mir weniger Gedanken, wo ich abends mein Zelt aufschlagen kann. Auch wenn ich hungrig und durstig bin, weiß ich, es wird zu rechten Zeit eine Tienda kommen, in der ich finde, was ich brauche. Es läuft fast alles wie von selbst. Und wenn nicht, dann stresst es mich nicht. Es ist, wie es ist.

Es ist erstaunlich zu erleben, wie kleine Veränderungen im Außen, große Veränderungen im Innen bewirken können.

Was kannst du über Bord werfen? Deine Sorge vor einer ungewissen Zukunft? Die Trauer um verpasste Gelegenheiten? Die Angst dich zu blamieren? Den (Irr)Glauben du schaffst das nicht? Die Gewohnheit alles kontrollieren zu wollen?

LEINEN LOS!