Warum wünschen sich manche, ihr Elend besser ertragen zu können, anstatt es zu ändern? Vor Monaten hatte ich ein Einzelcoaching, das mich nachdenklich gestimmt hat. Die Person war recht unzufrieden mit ihrem Status Quo.  Sinngemäß lief das Gespräch wie folgt ab.

 


 

Klient: Eigentlich ist alles gut, aber ich bin seit 2 Jahren oft schlecht gelaunt und frag mich, was das alles soll.

Ich: Was meinst Du mit “alles”?

Klient: Der Job nervt nur noch und ich bin Abends immer total erschöpft. In der Partnerschaft ist auch seit Jahren die Luft raus. Wir leben eigentlich wie Geschwister nebeneinander.

Ich: Was müsste passieren, damit Du sagen kannst, das Leben fühlt sich wieder schön an?

Klient: Du bist doch Coach, ich wünsche mir, dass Du mir hilfst, dass ich mit der Situation besser umgehen kann.

Ich: Ah….okay. Dein Ziel wäre also, Dich gut mit dem Status Quo arrangieren zu können?

Klient: Ja, genau. Ich bin Mitte 40 und da wechselt man ja nicht mehr den Job oder den Partner.

Ich: Nur damit ich Dich richtig verstehe: Ich soll Dir helfen, dass Du Deine innere Stimme nicht mehr so deutlich wahrnimmst. Dass Du den Schmerz nicht mehr so spürst?

Klient: Ja, genau. Das wäre echt super.

Ich: Stell Dir vor, ich wäre Magier und alles, was Du Dir wünschen würdest, würde in Erfüllung gehen. Was würdest Du Dir bzgl. Deiner Job- und Partnersituation wünschen?

Klient: Wie gesagt: Das ich einfach besser mit der Situation umgehen kann.

Ich: Okay. Also was in solchen Situationen super funktioniert, sind Alkohol und Drogen!

Klient: Nee, im Ernst.

Ich: Das ist mein Ernst. Betäube Dich. Früher oder später übernimmt das Leben das eh. Oder aber, Du nimmst Dein Glück in die Hand und wirst wieder Kapitän an Bord Deines Schiffes.

Wie soll es Dir schon gehen, wenn Du als Kapitän siehst, wie Dein Schiff abtreibt und Du Dir wünschen würdest, besser damit umzugehen anstatt das Ruder rum zu reißen?

Klient: Mit Mitte 40 geht das nicht mehr.

 


 

Was ich auch probiert habe, das Vorstellungsvermögen meines Klienten hatte nicht einen Millimeter Raum für den Gedanken, dass man das Leben schöner gestalten kann.

However! Ich habe ihr/ihm gesagt, dass ich da nicht weiterhelfen kann und will. 

Wer glücklich(er) leben möchte, der sollte es in erster Linie auch WOLLEN! Kompromisslos! Kompromisslos WOLLEN, nicht kompromisslos HANDELN!

Der Schmerz, den wir in vergleichbaren Situationen spüren, wird nicht durch die Situation ausgelöst, sondern durch das AKZEPTIEREN und VERHARREN in der Situation. Unsere innere Wahrheit/Stimme mag es einfach nicht, wenn wir an den falschen Stellen faule Kompromisse machen. 

Das ist in etwa so, als wenn Du merkst, dass es Dir schlecht geht, weil Deine kleine Tochter Hunger hat. Doch anstatt dafür zu sorgen, dass sie was zu Essen auf den Tisch bekommt, wünschst Du Dir, dass Du mit der Situation gelassener umgehen kannst.

Lass Dich selbst nicht verhungern!!!!

Letztes Jahr hat mich dieser stolze Herr auf einer Radreise durch Norwegen an ein Buch erinnert, dass ich in Spanien gelesen habe und welches in Kuba geschrieben wurde.

Der gute Mann lebt in einem kleinen Haus direkt am Meer. Er darf einen kleinen Strand, im Norden der Lofoten, sein eigen nennen. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen fuhr ich mit meinem Rad an ihm vorbei und jedes Mal war ich fasziniert von diesem Mann. Ich machte jeweils eine Pause, hockte mich auf einen Felsen und setzte mir eine Tasse Kaffee auf. ☕️

Ich hätte ihm stundenlang zusehen können. Im regelmäßigen Rhythmus des Nordmeeres wurde ein Schwall Algen angeschwemmt. Und als ob sich der alte Mann darüber freute, harkte er freundlich lächelnd die Algen zusammen, um sie dann in der Schubkarre anzuhäufen und hinter dem Haus wieder abzuladen. Und das alles mit einer Anmut, die es als normalste Sache der Welt aussehen ließ. Was ist auch schon dabei, täglich einen Strand von Algen zu befreien und dabei zuzuschauen, wie das Werk mit jeder Welle zerstört wird?!?!🤨

Während ich das gerade schreiben, fällt mir spontan Sisyphos dazu ein. Aber das Buch, das ich ursprünglich meinte und woran mich dieser Mann erinnerte, ist von Hemingway:

Der alte Mann und das Meer.

Der alte Mann und das Meer.

Die Botschaft ist so einfach wie schön! 

Es ist egal was du machst.
Es ist egal, ob es sinnvoll ist oder nicht.
Es ist egal, was die anderen darüber denken.
Es ist egal, ob du erfolgreich bist oder nicht.

Es kommt darauf an, dass Du es mit Anmut, Demut und Haltung machst.
Es geht um den Prozess, nicht um das Ergebnis.
Es geht ums Reisen, nicht ums Ankommen.
Es geht um Leben. Unser Leben.

Wir können unser Leben leben. Nicht mehr. Nicht weniger.Der alte Mann und das Meer